Ein Bruichladdich aus einem Radoux-Rotwein-Fass, klingt klasse. Aber Radoux sagt erst mal nichts darüber aus, was für ein Wein da vor dem Befüllen mit dem Whisky im Fass war, sondern in erster Linie etwas über die Qualität des Fasses. Denn Radoux ist nicht etwa eine Rebsorte oder ein Weinanbaugebiet, sondern ein namhafter französischer Hersteller von Eichenfässern jeder Art vornehmlich für die Weinindustrie, der inwischen auch in die USA expandiert hat. Dass sie dafür nur das beste französische und amerikanische Eichenholz benutzen, bürgt schon seit 1947 für Qualität. Jede einzelne Fassdaube lässt sich per eingelasertem Strichcode einer bestimmten Intensität an Tanninen zuordnen, so dass erfahrene Küfer ein ideales und individuelles Fass für jeden gewünschten Reifungsprozess zusammenstellen können. Modern Times.

In einem dieser Fässer nun lag 13 Jahre lang dieser Bruichladdich, der von einem Freund des Brühler Whiskyhauses über Umwege und geheime Kanäle, die nur eingeweihten Einhornjüngern bekannt sein dürften, für ebenjenes ergattert werden konnte. Viele Wochen der Ankündigungen gingen dem tatsächlichen Erscheinen voraus und die wenigen Flaschen waren schon zu der Zeit ausverkauft. Ich konnte mir jedoch durch eine Flaschenteilung eine durchaus verwertbare Menge sichern und freute mich wie die meisten auf die Ankunft in Deustchland. Und als es nach vielen schottischen Wirrungen und Umwegen dann endlich soweit war, standen mir als gestandenem Sulfurphobiker geradezu die Haare zu Berge – den ersten Eindrücken zufolge ist es offenbar wider Erwarten eine Schwefelbombe geworden.
Schwefel taugt in Verbindung mit Holzkohle und anderen Zutaten wunderbar zum Herstellen kleiner Sprengladungen, um ganze Playmobil-Bauten anderer Kinder mit ordentlich Krach und Getöse und Gestank in die Luft zu jagen und – hoppla, ich schweife ab… und verjährt sind die Taten inzwischen ohnehin…
Zumindest gehört Schwefel meiner Meinung nach nicht in Whisky und ich habe schon des Öfteren bereits bei Spuren davon meine Nase gerümpft. Olfaktorisch für mich also ein trump’sches total desaster…

Nun denn, die Flasche ist da und guten Mutes ab ins Glas damit. Stolze 63,5% Alkohol sind nach 13 Jahren Lagerung noch übrig. Müßig zu erwähnen, dass auf Kühlfiltration und Färbung verzichtet wurde.

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 Nase

Tja – was soll ich sagen. Mein großes Glück war offenbar der Erwerb einer Anbruchflasche, deren Inhalt schon genug Zeit zum Atmen hatte. Von Schwefel erst mal keine Spur. Puhhh… Mein erleichtertes Aufatmen sollte man noch in Brühl und Porz vernommen haben.
Schwefellos, aber auch etwas verhangen und blass finde ich ihn. Ein paar Tropfen Wasser – und er öffnet sich schlagartig. Er startet sodann mit einer grandiosen süßen Vanille, die an leckeren holländischen Fla-Pudding erinnert. Und dann ist da gleich auch die typische, dreckige und leicht hingerotze Bruchladdich-Schmuddel-Würze aus dem Hafenbecken mit etwas angebranntem Räucherschinken mit dicker Salzkruste. Wunderbar! Hartes dunkles Karamell und reife Feigen kommen hoch – eine sehr süffige Kombination, die ich auch mal in der Küche probieren muss! Es wird saurer, aber keine Zirusfrüchte, eher Richtung Rhabarberkompott und Quitte. Erdig und etwas schroff kommen die Eichennoten, von einem Rotweinfass merke ich noch nicht wirklich viel – keine Beeren oder rote Früchte. Den Alkohol spürt man nur hin und wieder. Und auch mit noch so viel Konzentration – kein Schwefel!

 Geschmack

Mit einer üppigen warmen Süße startet er kraftvoll am Gaumen – und dann sind sie da, die erhofften Weinnoten! Vergorene helle Trauben mit einer schönen säuerlichen Note – ich hätte ohne Vorkenntnis ja eher auf einen fruchtig-süßen Weißwein getippt. Auch hier wieder gekochter saftiger Rhabarber mit Vanillesoße. Die Tannine der französischen Eiche sind kräftig, belegen die Zunge mit einem leichten Pelz, die schöne erdige Würze erinnert an Pu-Erh-Tee,  Salzkaramell erweitert das süße Spektrum um noch mehr Nuancen. Und immer wieder die schönen pritzeligen Weinaromen, die sich nach vorne drängeln. Die Eiche ist auch immer spürbar, ist herb und holzig und erinnert an kantiges abgelagertes Bauholz.

 Abgang

Im Abgang verbleiben die leicht salzige Würze, mildes Eichenholz und schöne weinige Aromen kleben richtig lange am oberen Gaumen. Der wirkt noch richtig nach – wunderschön.

 Kommentar

Die Ankündigung eines Schwefel-Whiskys ließ mich fast zögern – wie gut, dass ich dann doch probiert habe. Er braucht offenbar wirklich einfach Zeit zum Atmen, dann verschwindet der Schwefel gänzlich. Und übrig bleibt ein kleines Laddie-Juwel mit ungewöhnlich schönen hellen Weinnoten. Rotweinfässer können einen Whisky wunderbar ergänzen – oder ihn gänzlich zerstören. Gerade bei eher leichten Whiskys ist die Gefahr der Überlagerung mit Weinnoten recht groß. Hier hat es ganz wunderbar funtioniert. Bruichladdich ist ein sehr kräftiger und charaktervoller Whisky, den man mit speziellen Fasslagerungen sehr schön ergänzen kann. Und der Grundcharakter von Bruichladdich ist immer unverkennbar präsent. Einer der schönsten Laddies, die ich seit langem im Glas hatte!
Sehr schade, dass ich aufgrund meiner doofen Arbeitszeiten keine ganze Flasche ergattern konnte.
Zwei beinahe zeitgleich abgefüllte Port Charlotte aus unterschiedlichen Rotweinfässern klingen ebenfalls extrem spannend – liegen preislich aber leider weit jenseits meiner Gehaltsklasse.

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