Glengoyne 28yo, 46,8%

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So richtig alte Destillerie-Abfüllungen werden immer rarer. Die meisten Destillerien beschränken sich in ihrer Range auf die Standard-Alter 10, 12, 15 und/oder 18 Jahre, seltener schon 25 Jahre. Auch Glengoyne bedient sehr umfangreich das gesamte Einsteigersegment und hat neben einem 25er seit zwei Jahren auch einen 30 Jahre alten Whisky in die Range mit aufgenommen, der alle zwei Jahre in einem neuen Batch veröffentlicht werden soll.
Volle 28 Jahre reifte dieser Glengoyne, den es anfangs nur im Travel Retail gab, ausschließlich in First-Fill Oloroso-Fässern. Whiskys für den Travel Retail genießen gemeinhin den Ruf, eher sehr durchschnittliche Massenware zu sein. Aber bei der Brennerei Glengoyne, die im Besitz des unabhängigen Abfüllers Ian Macleod ist, legt man großen Wert auf die Qualität der Fässer.

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Als unabhängiger Abfüller pflegt man seit Jahrzenhnten gute Kontakte zu Bodegas und Küfereien. Man lässt die Fässer aus eigenen Eichenwaldbeständen in Nordspanien nach jahrelanger Trocknung direkt in den Bodegas in Jerez herstellen, in denen dann für drei Jahre hochwertiger PX- oder Oloroso-Sherry gereift wird, bevor man sie dann mit Glengoyne-Destillat befüllt. Und wie grandios da schon junge Whiskys schmecken können, wird mit dem unregelmäßig erscheinenden und nur vor Ort oder im Onlineshop erhältlichen Tea Pot Dram überaus eindrucksvoll bewiesen.
Glengoyne färbt nicht und die höherprozentigen Whiskys erhalten auch keine Kühlfiltration. Mit 46,8% wurde dieser 28jährige mit einer idealen Trinkstärke abgefüllt.

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Auge

Tja, das Ding ist einfach eine Augenweide im Glas. Tiefes dunkles Mahagoni-Braun, leicht trüb wie ein torfiger Moorbach. Und schwenkt man ihn und hält ihn dann gegen das Licht, hinterlässt er einen leicht braunen öligen Film an der Glaswand. Man ahnt, daß da etwas Großes auf einen zukommt.

Nase

Die Aromen bringen objektiv betrachtet keine großen Überraschungen, alles typisch Sherry – da gibt es eingelegte Rosinen, saftige Backpflaumen, aromatische abgelagerte und grob geschnittene Tabakblätter, getrocknete Aprikosen, Marzipan, leicht feuchter dunkelbrauner Muscovado-Zucker, tiefschwarze Lakritze, angebranntes Karamell, fette Zartbitterschokolade und eine heftige Holzfracht, die mich an einen uralten, massiven und schon leicht muffigen Stollenschrank aus dickem wurmlöchrigen Eichenholz denken lässt. Alles sehr typisch eben.
Aber die Wucht, die Fülle und Bandbreite und die enorme Komplexität, die einen in ungeahnte düster-würzige Tiefen dieses Whiskys hinabsteigen lässt, ist schon beeindruckend und geradezu überwältigend. Meine Nase hängt bestimmt seit 40 Minuten über diesem Whisky und die Faszination lässt einfach nicht nach. Die Süße und die unglaublich würzige Frucht mit all ihren Zutaten aus dem Gewürzregal, dazu das wirklich alte Holz – das alles schwappt der Nase in abwechselnden Intensitäten entgegen. Der Alkohol ist nur in den ersten Sekunden nach dem Einschenken spürbar und fügt sich dann perfekt ein.

Gaumen

Die Aromenwucht setzt sich hier ohne Unterbrechung fort. Alles ist sehr breit, ölig, dunkel und ebenso heftig, der Alkohol bringt eine schöne Wärme mit, ohne zu brennen. Aber hier haben ganz eindeutig die alten Oloroso-Fässer das Kommando. Die lange Lagerung in den Fässern hinterließ mächtige, aber dabei sehr komplexe und fein nuancierte Eichenholz-Aromen. Von derb holzig über leicht muffig bis hin zu sehr feinen säuerlichen Aromen bilden sie eine massive Wand aus feucht-herben Eichennoten, als leckt man direkt am Spundloch. Faszinierend, aber auch sehr mächtig. Die ganzen dunklen Fruchtaromen und die würzige Süße kommen aber ebenso zu ihrem Recht, allen voran wieder die dunklen Rosinen und Trockenobst jeglicher couleur, feuchter Pfeifentabak, Crème brûlée und enorm dunkle Schokolade mit geröstenen Haselnüssen. Aber die herbe Holzwand hält das alles in Schach, ist ständig präsent und sorgt für eine leicht säuerliche trocken-seidige Textur auf der Zunge.

Abgang

Auch hier bestimmt das Holz den langen Ausklang. Pelzig und herb verabschiedet er sich mit sanften süßen Trockenobstnoten und würzigem Pfeifenrauch und es verbleibt ein trockenes, leicht adstringierendes Mundgefühl wie nach einem guten Rotwein.

Kommentar

Dieser alte Glengoyne ist schon ein Erlebnis, das man sich mal gönnen sollte. Ein derart breites und intensives Spektrum an Sherry- und Holzaromen bekommt man selten geboten. Aber wo viel Licht, da auch Schatten. Die ausschließliche Reifung in First-Fill Olorosofässern fordert ihren Tribut in den mächtigen Eichenholzaromen. Das muss man mögen. Beim zwei Jahre älteren 30jährigen Glengoyne wählte man einen nicht geringen Anteil an ausgesuchten Refill-Fässern, um diesen dominanten Einfluß abzumildern.
Im Ergenis ist das für einen Whisky wirklich schon ziemlich grenzwertig, aber das Gesamtbild mit seiner überbordenden Aromenfülle verschmerzt das ohne Klagen und macht ihn zu einem herausragenden und ungemein wuchtigen und faszinierenden Whisky, der auf jeden Fall auffällt und in Erinnerung bleibt. Der Preis ist ambitioniert, keine Frage, aber man bekommt dafür einen Whisky ohne Firlefanz und Hype-Gehabe, der einfach nur ehrlich, grandios und weit weg von Mainstream ist. Ein Whisky, für dessen Existenz ich durchaus ein wenig Dankbarkeit und Ehrfurcht empfinden kann.

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