Turbo-Whisky – oder warum Knacken schön sein kann

 

Eine Liebeserklärung an die Romantik des Whiskytrinkens!

Schallplatten knacken, sind umständlich zu bedienen, man muss aufstehen, wenn man mehr als die Hälfte der Musik hören will und sie sind groß.
Auch analoge Fotografie ist umständlich. Man muss mehr oder weniger fummelig einen Film einlegen, muss überlegter fotografieren, sich dem Objekt annähern und bewusster auf den Auslöser drücken, möchte man nicht unnötig Filmmaterial verschwenden. Und analoge Kameras – gerade im Mittelformat – sind meist groß und sperrig.
Warum also sind diese urzeitlichen Ungetüme so beliebt? Vor allem – warum wieder? Und warum auch gerade bei der jüngeren Generation, die ja eigentlich mit CDs, MP3s und Speicherkarten groß geworden ist? Im Zeitalter des schnellen Konsums, wo hunderttausende Songs in die Münztasche der Jeans passen und man eine Woche lang Musik am Stück hören kann, ohne einen einzigen Knopf zu betätigen. Oder wo man tausende Fotos knipsen kann, ohne die Speicherkarte wechseln zu müssen.
Dass Vinyl besser klingt als eine CD, wurde in zahlreichen Untersuchungen längst widerlegt. Und Filmen haftet immer der Makel des sichtbaren Korns an. Es kann also nicht nur der angeblich reine, ehrliche Klang sein, der da fasziniert.

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Kürzlich wurde ein Verfahren vorgestellt, bei dem man in zehn Tagen einen Whisky produzieren kann, der wie ein Zehnjähriger schmecken soll. Da wird mit hohem Druck und speziell behandeltem Holz gearbeitet. Selbst wenn er olfaktorisch und gustatorisch einem zehnjährigen Whisky gleicht und in Blindtests niemand einen Unterschied merken würde – macht so eine Erfindung Sinn? Die Entwickler sprechen gar von „disruptive technology“ – aber kann der Turbo-Whisky dem traditionell produziertem Whisky tatsächlich gefährlich werden? Sicherlich nicht. Und so ziemlich jede Erfindung macht Sinn – wenn viele auch vielleicht nur für die Erfinder und Vermarkter. Und es gibt für alles einen Markt. Es wird Kundschaft für dieses Getränk geben, es wird sicherlich gehypt werden und er ist vielleicht ja wirklich mehr als trinkbar, vielleicht ja sogar lecker.
Würde ich ihn trinken? Zum Probieren sicherlich. Aber in meinem Schrank befänden sich mit Sicherheit keine Flaschen davon. Klingt voreingenommen und snobistisch. Ist es aber nicht, sondern ein reines Eingeständnis an den Genuss. Denn eines ist Whisky neben der Definition als Spirituose ganz sicher: Genuss.
Und Genuss ist weit mehr als der pure Geschmack und der Duft eines Getränks. Würde man es darauf reduzieren, muss man von Konsum sprechen. Ich zumindest konsumiere keinen Whisky.
Warum trinkt man Whisky? Weil er schmeckt, klar. Und weil kein anderes Getränk eine derart große Spanne an Aromen hervorzubringen vermag, wie Whisky. Und genau das ist es. Und noch viel mehr. Auch wenn man chemisch alle Komponenten und Entstehungsprozesse dieser Aromen entschlüsseln und nachbauen könnte und man keinen Unterschied schmecken würde – es wäre nicht das gleiche. Denn eine entscheidende Zutat fehlt zum Genuss: der menschliche Faktor.

Whisky-Produktion ist langwierig und aufwendig. Und jeder Schritt hat mehr oder weniger Einfluss auf das Endprodukt im Glas. Vom Anbau der Gerste, der Art des Trocknens, der Dauer des Maischens, der Größe der Brennblasen, der Kunstfertigkeit des Brennmeisters, der Fassauswahl, des Klimas in den Lagerhäusern bis hin zur Temperatur im Glas des Genießers. Und es ranken sich Mythen und Legenden um dieses Getränk.

 

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Schallplatten, analoge Fotografie – hinter der neu auflebenden Faszination für alte Technik verbirgt sich schon so etwas wie Sehnsucht nach erfahrbarer, erlebbarer Ehrlichkeit. Das als Nostalgie abzutun, wäre eindeutig zu kurz gegriffen, denn gerade die junge Generation hat ja keinen direkten emotionalen Bezug zu dieser Epoche. Und in Zeiten, in denen alles in kürzester Zeit ermöglicht werden kann, in denen alles immer schneller wird, scheint gerade das Langsame, das sich konzentrieren können/müssen, zu faszinieren. Man legt Wert auf den Hintergrund einer Sache. Man möchte teilhaben an der Entstehung und Geschichte.
Alte Platten scheinen die Zeit ihrer Ära in den sichtbaren Rillen eingefangen zu haben und die Silberkristalle auf dem Film haben nicht nur das Licht, sondern auch die gesamte Szenerie konserviert. Man kann es ganz real sehen, hören und anfassen. Es ist kein flüchtiges digitales, auf Zahlen beruhendes und im Grunde irreales Konstrukt.
Kein anderes Wesen auf diesem Planeten ist zur Romantik fähig, zu diesen komplizierten emotionalen Assoziationen und Reaktionen. Und genau das unterscheidet unsere Art, Dinge wahrzunehmen, sie zu erleben statt nur zu konsumieren.

Und auch bei altem Whisky riecht, schmeckt und erlebt man die Geschichte, die dahinter steckt. Ich rieche eben auch die alten Landschaften, das Meer und den Wind in den Gerstenfeldern, schmecke den Rost und den Staub der alten Destillerien – und manchmal auch den Schweiß der harten Arbeit… 😉
Und deshalb wird niemals eine Flasche dieser digitalen Retortenplörre in meinem Regal stehen.

 

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Sláinte!


2 Gedanken zu “Turbo-Whisky – oder warum Knacken schön sein kann

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