DEANSTON Decennary, 46,3%

 

Mein 100. Blogbeitrag – ein kleines Jubiläum.

Was läge da näher, als einen Jubiläumswhisky zu verkosten. Noch dazu aus meiner Lieblingsdestillerie.

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Whiskys, die zu einem Destillerie-Jubiläum erscheinen, werden in der Regel intensiv und wortreich beworben und man lockt die Fans mit Zuteilungen und engen Zeitfenstern für die Bestellung an die PCs. Vor allem Laphroaig und Ardbeg demonstrieren diese Art Marketing immer wieder vorbildlich.
Nun wird Deanston keine 200 Jahre alt, sondern erst juvenile 50, aber außer auf der Facebookseite hat man kaum irgendwo überhaupt von diesem Jubiläum erfahren. Und noch weniger von dem Whisky, der speziell dafür kreiert wurde. Echtes Understatement.

So hat auch diese limitierte Abfüllung wieder mal eher leise ihren Weg zu den Whiskyliebhabern gefunden. Zu bekommen ist sie entweder vor Ort im Store des Besucherzentrums oder inzwischen auch im ganz neu eröffneten Online Shop von Deanston.

Deanston legt viel Wert auf Tradition, sowohl in der Herstellung als auch im Marketing. So findet man außer in den Büros keinerlei Computer, die irgendwelche Herstellungsprozesse steuern. Der gesamte Strom, der zum Betrieb der Destillerie benötigt wird, entspringt dem Fluss Teith, der direkt am Gebäude entlangfließt. Man nutzt die Wasserkraft und kann damit sogar noch Teile der Ortschaft mit Strom versorgen.
Die Liebe zur Tradition und zur eigenen Geschichte schlägt sich auch im Design der neu entworfenen Flaschen nieder, wenn man einen genaueren Blick darauf wirft. Auch wenn die eigene Historie im Vergleich zu anderen Destillerien eher recht kurz ist, so hat man die Brennerei in einem historischen Gebäude mit langer und durchaus bedeutender Geschichte erbaut – in einer ehemalige Baumwollfabrik, deren Anfänge bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurückreichen.

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Die „Münzen“, die die aktuellen Korken der Flaschen zieren, sind zum Beispiel eine Replik einer alten Währung und weist seltsame Merkmale auf. So fragt man sich, was Karl der Große, der darauf mit „Gratia Carolus“ Erwähnung findet, mit der Geschichte von Deanston oder Schottland allgemein zu tun hat. Forscht man nach, so stößt man auf eine eigene Währung für die Angestellten, die die Adelphi-Weberei – zu der auch die Deanston Mill gehörte – zu Zeiten einer Geldknappheit zum Bezahlen von Lebensmitteln auf zum Teil alte wertlose Münzen prägen ließ. Diese sogenannten Countermarks hatten einen Wert von 5 Shilling. Dass man dafür damals ausdrücklich keinen Alkohol sondern nur Lebensmittel beziehen konnte, mutet bei der aktuellen Huldigung in Whisky-Korken schon ein wenig ironisch an.
Soweit ein kleiner Streifzug durch die Historie der Brennerei. Doch nun zum Whisky. Endlich… 🙂

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Vier Whiskys aus vier Jahrzehnten wurden für den Decennary vermählt. Und für das fünfzigjährige Jubiläum hat Deanston nicht einfach irgendwelche Fässer genommen – die enthaltenen Whiskys kommen einem zum Teil schon recht bekannt vor:

  • 1977 Whisky Refill
  • 1982 American Oak
  • 1996 Port Pipe
  • 2006 Pedro Ximénez

So gibt es bereits einen 40jährigen Deanston exklusiv im Travel-Retail als auch einen 20jährigen mit Portwood-Finish – der ebenfalls nur als Limited Edition erhältlich war – und den allseits bekannten und inzwischen schon legendären 10jährigen aus PX-Fässern. Alle für sich genommen herausragende Whiskys. Insgesamt wurden 1400 einzeln nummerierte Flaschen mit diesem spannenden Vatting befüllt, was nahelegt, dass jeweils nur ein einzelnes Fass jedes Jahrgangs genommen wurde. Flasche Nr. 1350 hat nun ihren Weg ins Glas gefunden. Bei Deanston wie üblich ohne Farbstoff und ohne Kühlfriltration und in der typischen Deanston-Stärke mit 46,3%.

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 Nase

Sofort wird die Nase mit dunklen und sehr aromatischen, leicht säuerlichen Früchten umgarnt. Er erinnert anfangs schon stark an den Portwein-Deanston, den es im letzten Jahr exklusiv im Destillerieshop zu kaufen gab. Aber schnell ist da auch viel mehr. Reife Birnen, dunkles, leicht angebranntes Karamell von einer Creme Brulee – man hört fast das Knacken der harten flambierten Zuckerschicht. Der aromatisch-süße Duft, der einem entgegenströmt, wenn man eine frische Packung Pfeifentabak mit Vanille öffnet. Eingekochtes Beerenobst mit viel Vanille geben eine Vorahnung auf die zu erwartende Süße. Das alles entwickelt sich auf einem permanent wahrnehmbaren dicken Teppich aus vielen dunklen und alten Holznoten, die sich mehr und mehr in den Vordergrund schieben. Immer dunkler und schwerer werdend merkt man neben der leichten süßen Fruchtigkeit auch das tiefe Alter der Fässer. Die Nase kann sich kaum lösen, so abwechslungsreich und bunt schwappen da die Aromen in wechselnder Intensität aus dem Glas.

 

 Der Gaumen als Bühne

Im Mund spielt sich dann wirklich Unglaubliches ab, als würde jedes Fass, losgelöst von der Einheit, um Aufmerksamkeit buhlen – ein wahres Schauspiel in mehreren Akten.

Als Prolog betreten dunkle saftig-klebrige Trockenfrüchte behäbig und schleppend die Bühne des Gaumens. Ihre Darbietung aromatisch-tief und süß und geheimnisvoll, gespickt mit Gewürzen aus 1001 Nacht und kräftigen süßlichen Tabaknoten sorgen sie fast für orientalisches Flair.

Danach hat die Eiche ihren Aufritt. Polternd kommt sie auf die Bühne gestürmt, will der Star sein, läuft knurrig und wild gestikulierend mephistogleich von einer Ecke zur anderen, sorgt mit herben Tanninen und Aromen von alten, schon teils morschen Hölzern, die in feuchten muffigen Kellern lagerten, für Aufsehen und Begeisterung, Ahhs und Ohhs raunen durchs Publikum. Nach einem tiefgründig prickelnden Crescendo wärmender und leicht säuerlicher Holznoten wird sie immer weicher und milder, verbeugt sich schließlich erhaben, um der nächsten Verführung die Bühne zu überlassen.

Der Epilog gehört ganz der Süße. Fast schwebend tänzelnd und honigsüß huscht sie über die knarzenden Bretter, wirft cremige Kräuterbonbons ins Publikum, streut würzigen Muscovado-Zucker und mit einem schönen dunklen Malz-Aroma entschwindet sie der Bühne.

 Abgang

Was bleibt, nachdem der Beifall verhallt ist: Altes rissiges Dielen-Holz mit dem Duft unzähliger aufgeführter Dramen, dunkler Tannenhonig, süßes würziges Trockenobst und eine ganze Flut von Gewürzen bilden einen beeindruckend vollen und langen Abgang – das Kauen und Schmatzen will gar kein Ende nehmen. Die Eichennoten sind schwer und dunkel, bilden feine Röstaromen wie bei einem frisch gebrühten Espresso mit viel Crema und haften mit ihren herben Nuancen und einer wohligen süßen Wärme am längsten und flauen nur langsam ab.
Dann – ehrfürchtige Stille. Der Vorhang zu, keine Fragen offen.

Kommentar

Schon vorletztes Jahr sorgte Deanston mit dem 10yo PX kurz vor Jahresende für ein Highlight, seitdem sind gleich mehrere limitierte und zum Teil nur vor Ort in der Destillerie erhältliche Abfüllungen erschienen, die mir alle durchweg gefallen haben und zum Teil auch richtig begeistern konnten. Den krönenden Abschluss bietet in der Tat dieser Jubiläumswhisky. Er ist zwar nicht in Fassstärke abgefüllt sondern in der sehr angenehmen und für Deanston typischen Trinkstärke mit 46,3%, aber das macht ihn in meinen Augen nur noch angenehmer und ist sicher auch den niedrigeren Alkoholgehalten der alten Abfüllungen geschuldet.
Er vereint wirklich das Beste aus vier Jahrzehnten. Wer die anderen Abfüllungen kennt, wird sie auch hier wiederfinden – und noch viel mehr. Denn er ist deutlich mehr als die Summe der zusammengekippten Einzelwhiskys, sondern eine in sich stimmige, harmonische und ganz eigene Schöpfung, beinahe eine Sinfonie in Perfektion ohne einen Missklang, in der jedes Fass seine eigene unverkennbare Partitur bekommt. Die wunderbare würzige Fruchtigkeit der Port- und PX-Fässer kombiniert mit der aromatischen Tiefe der 40 Jahre. Unglaublich tiefgründig, unglaublich vielschichtig und bei jedem Schluck aufs Neue spannend und mit immer neuen Aromen, die es zu entdecken gilt. Ein ganz und gar perfektes Konglomerat aus großartigen eigenständigen Whiskys, das nicht besser hätte ausfallen können – eine Glanzleistung des Masterblenders!
Mein ganz persönliches Weihnachtsgeschenk 2017 und ohne Frage DAS Highlight des letzten Jahres.

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3 Gedanken zu “DEANSTON Decennary, 46,3%

  1. bis eben hab ich überlegt, ob ich heute Abend einen Malt trinke — nun läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Also ja, es gibt einen. Und dir Riccardo vielen Dank für deine Notes, diese und all die anderen. In Kombination mit den Fotos macht es wirklich Spaß.

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